Eltern, Gemeinden und Paare in der Verantwortung vor Gott
Ein junger Mann und eine junge Frau sind seit zwei oder drei Jahren zusammen. Beide sind Christen. Sie schlafen nicht miteinander. Darauf achten sie, und wenn in der Gemeinde jemand nach ihrer Beziehung fragt, landet das Gespräch schnell bei genau dieser Frage: Wie weit geht ihr körperlich? Was ist noch erlaubt, was nicht?
Ansonsten ist längst vieles selbstverständlich geworden. Wochenenden werden gemeinsam geplant. Bei Geburtstagen und Feiertagen rechnet die Familie mit dem anderen. Ausbildung, Beruf und Wohnort werden daraufhin bedacht, was sie für „uns“ bedeuten. Andere mögliche Ehepartner sind praktisch ausgeschlossen. Die Eltern nennen sie vielleicht schon halb im Scherz Schwiegertochter oder Schwiegersohn. Wenn einer nach Jahren sagt: „Ich weiß nicht, ob wir heiraten sollten“, klingt das kaum noch wie das mögliche Ergebnis eines Kennenlernens. Es klingt wie Verrat.
Und irgendwann wird geheiratet. Was ist dann eigentlich neu?
Wenn die ehrliche Antwort im Wesentlichen lautet: Jetzt dürfen sie miteinander schlafen, dann haben wir die Ehe vorher schon zu weit vorweggenommen.
Wir haben das Beziehungsmodell kaum geprüft
Ich halte das für einen blinden Fleck in vielen christlichen Beziehungen. Wir übernehmen weitgehend das moderne Modell von „Freund und Freundin“ und versehen es mit christlichen Regeln. Beide sollen gläubig sein. Sie sollen dieselben Überzeugungen teilen. Sie sollen körperlich rein bleiben. Das alles ist wichtig. Aber damit ist die Beziehung selbst noch nicht biblisch eingeordnet.
„Wir sind zusammen“ sagt gesellschaftlich erstaunlich viel und erklärt zugleich eigentlich nichts. Von diesem Augenblick an gilt Exklusivität. Die Beziehung bekommt Vorrang. Die Familien behandeln beide zunehmend als Einheit. Erwartungen wachsen mit der Zeit, oft ohne ausdrückliche Zusage. Nach einem Jahr darf man offenbar anderes voneinander verlangen als nach drei Monaten; nach drei Jahren wieder mehr als nach einem Jahr. Nur: Wer hat diese Rechte eigentlich gegeben?
Das Argument lautet nicht: Die Bibel kennt das Wort „Dating“ nicht, also ist Dating Sünde. Das wäre zu billig. Die Schrift nennt viele moderne Lebensformen nicht beim Namen. Aber sie gibt uns von Gott geschaffene Ordnungen und wirkliche Pflichten. An ihnen müssen wir auch Gewohnheiten prüfen, die unsere Umgebung für selbstverständlich hält.
Was die Schrift uns aber nicht gibt, sind besondere Rechte und Pflichten, die allein daraus folgen, dass zwei unverheiratete Menschen „Freund und Freundin“ sind. Gott hat der Ehe eine erkennbare Stellung gegeben. Aus ihr folgen eheliche Pflichten. Eine moderne Paarbeziehung kann dagegen nicht durch Dauer, Gefühle oder die Zustimmung des Umfelds nach und nach dieselben Ansprüche erwerben. „Freund“ und „Freundin“ können beschreiben, was zwei Menschen miteinander vorhaben. Sie begründen für sich genommen weder Autorität noch familiäre Zugehörigkeit noch einen Anspruch auf die Lebensplanung des anderen.
Darum ist die entscheidende Frage nicht nur: Was ist Sex? Sie lautet: Was bist du mir vor Gott, und was darf ich deshalb von dir verlangen?
Die Ehe ist nicht die letzte Stufe einer schon bestehenden Quasi-Ehe
In 1. Mose 2,24 gehören Verlassen, Anhangen und Ein-Fleisch-Werden zusammen. Jesus greift diese Schöpfungsordnung auf und spricht davon, dass Gott Mann und Frau zusammenfügt (Mt 19,4-6). Maleachi nennt die Frau die „Frau deines Bundes“ (Mal 2,14). Die Ehe ist also nicht bloß eine besonders ernste Liebesbeziehung. Sie begründet eine neue, öffentliche und verbindliche Zugehörigkeit.
Mit der Ehe entsteht eine neue Familie. Daraus folgen besondere Pflichten. Epheser 5 spricht zu Ehemännern und Ehefrauen. 1. Korinther 7 spricht von gegenseitigen ehelichen Rechten am Leib. Das Westminster-Bekenntnis nennt gegenseitige Hilfe, Nachkommenschaft und die Bewahrung vor Unreinheit als Zwecke der Ehe (WCF 24,2).
Sex gehört zur Ehe. Aber Ehe ist nicht einfach eine schon vorhandene Beziehung plus Erlaubnis zum Sex. Der Bund selbst ist ein wirklicher Anfang. Mann und Frau geben einander eine Zugehörigkeit, die vorher nicht bestand und die sich auch nicht dadurch herstellen lässt, dass man sich lange genug wie ein Ehepaar verhält.
Wenn wir fast alles, was diese Zugehörigkeit praktisch bedeutet, schon Jahre vorher vorwegnehmen, machen wir die Hochzeit kleiner. Sie bestätigt dann nur noch, was längst gelebt wurde. Gerade in dem guten Wunsch, eine Beziehung ernst zu nehmen, können wir das Eigene und Schöne der Ehe abschleifen.
Wo die Quasi-Ehe beginnt
Natürlich schulden Christen einander schon vor der Ehe vieles: Wahrheit, Reinheit, Liebe, Rücksicht und Treue zu gegebenen Versprechen. Wer den anderen bewusst täuscht, kann sich nicht mit „Wir sind ja nicht verheiratet“ herausreden. Ein gegebenes Wort zählt.
Aber ein Versprechen ist nur das Versprechen, das tatsächlich gegeben wurde. Es wird nicht dadurch zum Ehebund, dass die Beziehung lange dauert.
Ein junger Mann darf aus „Du bist meine Freundin“ nicht ableiten, dass ihm schon eine Art eheliche Leitung zusteht. Er kann Rat geben. Er soll Verantwortung lernen, dienen, schützen und sich selbst beherrschen. Aber Epheser 5 macht ihn nicht zum Ehemann auf Probe. Eine junge Frau muss nicht beweisen, dass sie einmal eine „gute Ehefrau“ sein wird, indem sie sich heute einer Autorität unterstellt, die er nicht besitzt.
Umgekehrt darf sie nicht allein aus dem Beziehungsstatus ableiten, dass seine Ausbildung, sein Beruf, seine Gemeinde oder sein Wohnort nun selbstverständlich nach ihrer gemeinsamen Zukunft auszurichten sind. Vielleicht wäre das klug. Vielleicht haben beide darüber konkrete Zusagen gemacht. Dann müssen diese Zusagen ernst genommen werden. Aber „Wir sind doch zusammen“ begründet den Anspruch nicht.
Genau so wächst eine Quasi-Ehe. Nicht unbedingt durch Zusammenziehen oder Sex. Oft viel stiller. Er erwartet, bei ihren wichtigen Entscheidungen mitzureden. Sie erwartet, dass seine Zukunft bereits ihre gemeinsame Zukunft ist. Beide ordnen Freunde, Familie und Zeit zunehmend um die Beziehung. Die Familien behandeln sie wie eine Einheit und vielleicht sind sogar schon beide Familien freundschaftlich verbunden. Ein Ende erscheint irgendwann nicht mehr wie das Ende einer offenen Prüfung, sondern wie das Zerbrechen einer schon bestehenden Lebensgemeinschaft. Es hat weitreichende Konsequenzen bis in das soziale und familiäre Umfeld beider.
Dann ist eine Grenze überschritten, auch wenn niemand sagen kann, an welchem Datum es geschah.
Wenn ein Nein schon wie Scheidung klingt
Man merkt häufig erst beim Gedanken an eine Trennung, wie viel eine Beziehung inzwischen vorausgesetzt hat.
Natürlich tut es weh, wenn die Hoffnung auf eine Ehe oder gemeinsame Zukunft zerbricht. Schmerz beweist nicht, dass etwas falsch gelaufen sein muss. Aber manchmal lautet die Reaktion nicht nur: „Ich hatte gehofft, dich zu heiraten.“ Sie lautet: „Nach allem, was zwischen uns war, kannst du mich jetzt nicht einfach verlassen.“
Dann müssen wir genauer fragen. Wurde eine konkrete Zusage gebrochen? Hat jemand den anderen glauben lassen, längst entschieden zu sein, obwohl er sich innerlich alle Wege offenhielt? Wurde mit Schuldgefühlen gearbeitet, damit der andere bleibt? Dann liegt nicht nur eine unglückliche Beziehungskultur vor, sondern wirkliche Schuld.
Jedoch geschah es manchmal ohne bewusste Täuschung. Beide sind einfach in die Rollen hineingewachsen, die alle um sie herum erwartet haben. Gerade das macht die Sache nicht harmlos. Gewohnheit kann uns auch an etwas Ungeordnetes gewöhnen.
Wer noch prüft, ob er einen Menschen heiraten soll, muss ehrlich prüfen dürfen. Ein Nein muss grundsätzlich noch möglich sein. Sonst ist die Prüfung nur noch ein Wort für die nachträgliche Bestätigung einer Entscheidung, die praktisch längst gefallen ist. Und gerade dieses „Hineinschlittern“ kann Ehen von Anfang an schwächen und vor große Proben stellen.
Freundschaft ist keine minderwertige Vorstufe
Die Alternative ist nicht, Männer und Frauen künstlich voneinander fernzuhalten. Die Bibel gibt uns kein starres Kennenlernverfahren, keine vorgeschriebene Zahl von Treffen und keine Frist, nach der eine Entscheidung fallen muss. Wir sollten aus der Kritik an Datingkultur nicht einfach eine neue menschliche Ordnung bauen und sie dann Gottes Gesetz nennen.
Paulus sagt Timotheus, er solle jüngere Frauen wie Schwestern behandeln, „in aller Reinheit“ (1Tim 5,2). Das ist keine vollständige Lehre über Partnerwahl. Aber es erinnert an etwas, das unsere romantisierte Kultur leicht vergisst: Ein unverheirateter Mann und eine unverheiratete Frau können einander zuerst als Bruder und Schwester im Herrn und tiefer Freundschaft begegnen. Nähe, Vertrauen, gemeinsamer Dienst und gute Gespräche müssen nicht automatisch einen neuen Beziehungsstatus erzeugen.
Freundschaft darf wirklich Freundschaft sein. Sie darf tief, herzlich und wichtig sein. Vielleicht wächst daraus der Wunsch, den anderen zu heiraten. Dann soll man diese Frage ernsthaft prüfen. Man kann über Glauben, Gemeinde, Eheverständnis, Kinder, Arbeit, Geld, Familie und Lebensführung sprechen. Man kann einander im normalen Leben sehen. Man kann Rat von Menschen suchen, die einen wirklich kennen.
Aber man muss nicht zuerst zwei oder drei Jahre öffentlich ein Paar sein und sich Schritt für Schritt gegenseitig in eine Stellung hineinleben, die erst die Ehe begründen soll.
Auch hier verkleinert unsere Gewohnheit eine Gabe Gottes. Wir machen Freundschaft zu einem Wartesaal für Romantik. Jede besondere Nähe wird verdächtig oder sofort als möglicher Anfang einer Paarbeziehung behandelt. Das nimmt der geschwisterlichen Gemeinschaft Freiheit und Schönheit. Und gleichzeitig machen wir die Ehe kleiner, weil wir ihre besondere Zugehörigkeit schon vorher verteilen.
Wir haben das selbst nicht gut gemacht
Meine Frau und ich erkennen vieles davon in unserer eigenen Zeit vor der Ehe wieder. Ich schreibe also nicht aus einer sauberen Beziehungsgeschichte heraus. Wir haben Dinge vorweggenommen, die besser erst mit der Ehe gekommen wären. Manches wussten wir eigentlich besser. Anderes erschien uns völlig normal, gerade weil es in unserem christlichen Umfeld normal war.
Unsere Eltern und die Menschen in der Gemeinde wollten uns nichts Böses. Oft war das Gegenteil der Fall. Sie freuten sich mit uns und wollten ermutigen. Aber gute Absichten machten die Ordnung nicht automatisch gut.
Ich hätte mir damals jemanden gewünscht, der nicht nur fragt, ob wir beide Christen sind, wo unsere körperlichen Grenzen liegen und ob wir einmal heiraten wollen. Ich hätte jemanden gebraucht, der fragt: Was habt ihr einander wirklich versprochen? Welche Ansprüche stellt ihr aneinander? Woraus leitet ihr sie ab? Könnte einer von euch heute noch ehrlich sagen, dass ihr nicht heiraten solltet? Wenn nicht: Warum lebt ihr dann weiter in einem Zustand, in dem die Ehe praktisch vorausgesetzt und zugleich aufgeschoben wird?
Solche Fragen können unangenehm sein. Aber Unbehagen ist nicht dasselbe wie Lieblosigkeit. Tatsächlich wäre gerade die liebevollere Reaktion gewesen, uns nicht einfach weiter zu bestätigen.
Wenn wir es erkennen, müssen wir nicht nur darüber nachdenken
An diesem Punkt wird das Thema unbequem. Denn wenn Gottes Wort einen Anspruch oder eine Gewohnheit als falsch aufdeckt, reicht „Das ist ein interessanter Gedanke“ nicht mehr. Dann geht es nicht nur darum, unsere Beziehungskultur etwas klüger zu finden. Es geht darum, ob wir bereit sind, das Erkannte auch zu ändern.
Ein Mann kann von seiner Freundin Unterordnung verlangt haben, die ihm als Nicht-Ehemann nicht zustand. Eine Frau kann den Mann durch jahrelang gewachsene Erwartungen so gebunden haben, als hätte er ihr schon eheliche Treue gelobt. Beide können eine familiäre Zugehörigkeit genossen haben, die eine freie Prüfung praktisch unmöglich machte. Oder einer wusste längst, dass er nicht heiraten wollte, ließ aber alles weiterlaufen, weil die Beziehung angenehm war.
Dann ist Umkehr nötig.
Aber Umkehr bedeutet nicht, sich selbst möglichst lange schlecht zu fühlen. Sie bedeutet, das Falsche nicht mehr zu verteidigen. Schuld wird bekannt, falsche Ansprüche werden aufgegeben, Täuschung wird beendet, und das Verhalten ändert sich.
Für ein Paar kann das sehr konkret werden. Man hört auf, voneinander eheähnliche Rechte zu verlangen. Man spricht offen aus, was tatsächlich zugesagt ist und was nicht. Nicht jede Familienfeier muss weiter selbstverständlich gemeinsam besucht werden; nicht jede Berufs- oder Wohnentscheidung muss wie eine gemeinsame Haushaltsentscheidung behandelt werden. Niemand darf den anderen aus Angst, Gewohnheit oder Schuldgefühl festhalten. Und wenn beide tatsächlich zu dem Urteil gekommen sind, dass sie heiraten sollen, ist eine jahrelange unklare Zwischenexistenz kein Zeichen besonderer geistlicher Reife.
Das kann beschämend sein, besonders wenn andere die Beziehung jahrelang gelobt haben. Stolz sagt dann: Wir können jetzt nicht zugeben, dass etwas falsch war. Scham sagt: Wenn wir es zugeben, ist alles verdorben. Beides hält uns am Alten fest.
Aber das Evangelium gibt uns einen besseren Weg. „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1Joh 1,9). Christus verlangt nicht, dass wir unsere Vergangenheit schönreden, damit seine Gnade ausreicht. Gerade weil Vergebung wirklich ist, dürfen wir aufhören, das zu verteidigen, was wir erkannt haben.
Eltern müssen ihre Zustimmung ebenfalls prüfen
Auch Eltern können an einer Quasi-Ehe mitbauen. „Für uns bist du längst unsere Schwiegertochter“ klingt herzlich. Wenn es aber beschreibt, wie die Familie tatsächlich handelt, wird daraus mehr als ein Scherz. Das Paar wird als Einheit behandelt, bevor es eine Einheit ist. Ein späteres Nein würde nicht nur eine Hoffnung beenden, sondern scheinbar jemanden aus einer Familie reißen, in die er längst aufgenommen wurde.
Eltern sollten mögliche Ehepartner ihrer erwachsenen Kinder freundlich aufnehmen. Sie dürfen hoffen. Sie dürfen sich freuen. Aber sie dürfen nicht durch ihre eigene Begeisterung eine Zugehörigkeit vorwegnehmen, die noch nicht besteht.
Die Verantwortung der Eltern endet nicht, sobald ihre Kinder erwachsen sind. Ein Vater kann sich nicht mit dem Satz zurückziehen: „Sie ist volljährig, das geht mich nichts mehr an.“ Die konkrete Ausübung elterlicher Autorität verändert sich, aber die Pflicht, zu lehren, zu warnen, zu raten und nötigenfalls klar zu widersprechen, bleibt.
Dabei genügt es auch nicht zu sagen: „Wir haben uns darüber einfach nie Gedanken gemacht.“ Es macht einen Unterschied, ob Eltern etwas wider besseres Wissen fördern oder aus Unkenntnis mittragen. Aber Unkenntnis verwandelt eine ungeordnete Beziehung nicht in eine gute und hebt die eigene Verantwortung nicht auf. Gerade Eltern haben die Aufgabe, nicht nur freundlich zuzusehen, sondern zu prüfen, was sie ihren Kindern durch Zustimmung, Worte und Verhalten tatsächlich beibringen.
Wer sich über die Beziehung freut, den Freund oder die Freundin selbstverständlich in die Familie aufnimmt, vom künftigen Schwiegersohn oder von der künftigen Schwiegertochter spricht und damit Erwartungen festigt, handelt nicht neutral. Auch gut gemeinte Bestätigung prägt. Wenn Eltern später erkennen, dass sie darin etwas unterstützt haben, das sie biblisch hätten hinterfragen sollen, ist die richtige Reaktion nicht: „Wir wussten es eben nicht besser.“ Dann dürfen sie es bekennen, korrigieren und künftig anders handeln.
Das kann ganz konkret ein Eingeständnis verlangen: „Wir haben euch wie ein Ehepaar behandelt, obwohl ihr keines seid. Wir haben Erwartungen verstärkt, statt euch beim nüchternen Prüfen zu helfen. Das war nicht gut.“ Solche Worte allein genügen nicht, wenn das Verhalten unverändert bleibt. Wo die eigene Zustimmung falsche Erwartungen genährt hat, muss sich auch diese Zustimmung sichtbar ändern.
Das kostet etwas. Aber die Alternative wäre, aus Stolz auf der eigenen bisherigen Linie zu bleiben und die jungen Menschen weiter an eine Ordnung zu binden, die man selbst nicht mehr für richtig hält.
Auch Gemeinden dürfen nicht bei der Sexualmoral stehen bleiben
Dasselbe gilt für Jugendleiter, Pastoren und Älteste. Wer junge Christen begleitet, sollte nicht nur fragen, ob sie miteinander schlafen oder wie weit sie körperlich gehen. Vielleicht hält ein Paar dort vernünftige Grenzen ein und lebt trotzdem längst in einer Beziehung voller falscher Ansprüche.
Wenn Epheser 5 benutzt wird, um einem Freund schon eheliche Leitungsrechte zu geben, muss das korrigiert werden. Wenn eine junge Frau unter Druck gesetzt wird, „Unterordnung“ zu beweisen, muss das benannt werden. Wenn ein Mann die Beziehung so verbindlich hält, dass sie bleibt, aber so unverbindlich, dass er sich selbst nicht festlegen muss, darf man sich nicht mit seinem guten Ruf oder seinen guten Absichten beruhigen. Und wer solche Dinge selbst gelehrt oder bestärkt hat, sollte sie nicht nur künftig vermeiden, sondern dort berichtigen, wo die eigene Lehre Menschen geprägt hat.
Älteste sollen die Herde Gottes hüten (1Petr 5,1-3; Hebr 13,17). Dazu gehört, falsche Anwendungen der Schrift zu korrigieren und Menschen nicht in einer kulturellen Gewohnheit zu bestätigen, nur weil sie unter Christen verbreitet ist.
Gleichzeitig dürfen weder Eltern noch Älteste aus ihren eigenen Vorlieben ein neues Gesetz machen. Die Schrift schreibt keine Kennenlernfrist und kein vollständiges Verfahren vor. Gott allein ist Herr des Gewissens (WCF 20,2). Gerade deshalb müssen wir sauber unterscheiden: Was Gott gebietet, sollen wir gebieten. Wo er Freiheit lässt, sollen wir sie nicht mit unseren Regeln ersetzen.
Aber „christliche Freiheit“ ist keine Ausrede dafür, erkannte Unordnung weiterzuführen. Täuschung wird nicht frei, weil sie üblich ist. Angemaßte Autorität wird nicht frei, weil sie gut gemeint ist. Und eheähnliche Ansprüche werden nicht dadurch berechtigt, dass zwei Familien und eine Jugendgruppe sie seit Jahren selbstverständlich finden.
Worum es bei der Umkehr eigentlich geht
Das Ziel ist nicht ein saubereres christliches Datingmodell. Es geht auch nicht darum, am Ende stolz sagen zu können, dass unsere Regeln strenger waren als die der Welt.
Es geht um Gottes Ehre.
Gott hat Freundschaft gut geschaffen. Er hat Familie gut geschaffen. Er hat die Ehe gut geschaffen. Unsere Aufgabe ist nicht, aus guten Absichten neue Zwischenordnungen zu bauen und dann von Gott zu erwarten, dass er sie segnet. Wir dürfen seine Gaben so empfangen, wie er sie gegeben hat.
Das ist keine Verarmung. Es ist gerade das Gegenteil.
Eine Freundschaft wird nicht kleiner, wenn sie nicht sofort zur Paarbeziehung erklärt wird. Sie darf dann wirklich Freundschaft sein: frei, herzlich, rein und ohne versteckte Besitzansprüche. Eine Ehe wird nicht kleiner, wenn man ihre Rechte vorher nicht ausprobiert. Sie darf dann wirklich etwas Neues beginnen: eine verbindliche Zugehörigkeit, für die Mann und Frau vor Gott Verantwortung übernehmen.
Wer sich beim Lesen darin erkennt, sollte deshalb nicht zuerst überlegen, wie peinlich eine Korrektur wäre, was andere denken oder ob frühere Entscheidungen dadurch schlecht aussehen. Das gilt für das Paar ebenso wie für Eltern oder Menschen, die in der Gemeinde Verantwortung tragen.
Die bessere Frage ist: Was ehrt Gott jetzt?
Wir können die Vergangenheit nicht neu schreiben. Meine Frau und ich können unsere damalige Beziehung nicht noch einmal führen. Unsere Eltern und die Menschen in unserer Gemeinde können ihre damalige Begleitung nicht nachholen. Aber wir müssen deshalb nicht so tun, als sei alles richtig gewesen. Gottes Gnade macht uns frei, Wahrheit auszusprechen, Schuld zu bekennen und heute anders zu handeln.
Wir verlieren nichts Gutes, wenn wir eine vertraute Unklarheit aufgeben. Wir lernen vielmehr neu, das Gute als gut zu empfangen.
Freundschaft als Freundschaft. Ehe als Ehe. Und unser ganzes Leben unter der guten Herrschaft Christi.
Soli Deo Gloria!
